Wir leben in einer Ära der Ephemerität. Alles muss sofort verfügbar, leicht konsumierbar und vor allem: schnell sein. Fast Food am Schreibtisch, Fast Fashion im Vorbeigehen, Speed-Dating für die flüchtige Begegnung und eine Aufmerksamkeitsspanne, die kaum länger währt als ein 15-sekündiger Clip.
Wir konsumieren viel, aber wir genießen selten. In diesem Rauschen der Beliebigkeit droht etwas auf der Strecke zu bleiben, das früher das Rückgrat unserer Kultur bildete: Der Stil.
Das Ende der Zeremonie? (Oder: Das Lagerfeld-Dilemma)
Es gibt eine Beobachtung, die sinnbildlich für unsere Zeit steht: Die Jogginghose. Was einst als modisches Statement der Rebellion oder reines Sportgewand galt, hat mittlerweile fast jeden öffentlichen Raum erobert und wirkt heute oft wie die Kapitulation vor der Ästhetik. Bitte nicht falsch verstehen – Komfort ist ein hohes Gut. Doch wenn wir den Unterschied zwischen dem heimischen Sofa und dem öffentlichen Parkett aufheben, berauben wir uns selbst der Vorfreude.
„Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.“
Das berühmte Zitat von Karl Lagerfeld mag überspitzt formuliert sein, und doch steckt ein tiefer Kern darin. Denn sich „fein zu machen“, bedeutet nicht nur, anderen zu gefallen. Es ist ein Akt der Wertschätzung gegenüber dem Moment und gegenüber uns selbst. Es ist das Signal an unser Gehirn: „Achtung, jetzt passiert etwas Besonderes.“

Wenn die Musik ihre Seele verliert
Dieser Trend zur Oberflächlichkeit macht auch vor unseren Sinnen nicht halt. Es ist paradox: Wir haben Zugriff auf die gesamte Musikgeschichte der Menschheit, direkt in unserer Hosentasche. Wir besitzen die Technik, um jedes Flüstern eines Orchesters in High-Fidelity zu hören. Und doch ertragen wir es, wenn Musik blechern aus einem Handy oder minderwertigen Lautsprechern quäkt – sogar im Auto.
Wer seine Lieblingsmusik über das Smartphone hört, während er am Steuer sitzt, verpasst die emotionale Dimension der Musik. Musik ist kein Hintergrundrauschen; sie ist eine physikalische und emotionale Erfahrung. Sie soll uns einhüllen und uns Gänsehaut bescheren. Wer darauf verzichtet, schaut sich gewissermaßen einen Sonnenuntergang durch eine dreckige Sonnenbrille an: Man sieht zwar die Umrisse, aber man verpasst das Leuchten.
Die Kunst der Achtsamkeit (Oder: Ein Plädoyer für den neuen Hedonismus)
„Qualität bedeutet, der Welt mit einer gewissen Erwartungshaltung zu begegnen. Es ist das Wissen, dass ein guter Moment einen guten Rahmen verdient.“
Sich wieder für Qualität zu entscheiden, hat nichts mit Snobismus zu tun. Es ist die Entscheidung, dem „Fast“ ein „Fine“ entgegenzusetzen. Es ist der Mut, weniger besitzen zu wollen, dafür aber Dinge, die eine Seele haben. Vielleicht ist es in diesem Zusammenhang auch an der Zeit, den Begriff des Hedonismus neu zu besetzen.
Lange Zeit als bloße Genusssucht abgetan, ist ein reflektierter Hedonismus in einer Welt des ‚Fast Everything‘ die vermutlich höchste und geeignetste Form der Rebellion. Er bedeutet, dass wir unser Vergnügen ernst nehmen. Dass wir uns weigern, uns mit dem Durchschnittlichen zufrieden zu geben, nur weil es bequem ist – vor allem uns selbst gegenüber.
Das Auto als „Privater Dritter Ort“
Ein wunderbares Beispiel ist der eigene Rückzugsort auf vier Rädern. Das Auto ist für viele von uns längst zum privaten „Dritten Ort“ geworden – jener essenzielle Raum zwischen dem Zuhause und dem Arbeitsplatz. Es ist der Ort, an dem wir weder funktionieren müssen noch beansprucht werden; eine Übergangszone, in der wir den Stress des Tages abstreifen, bevor wir die Haustür öffnen.
Warum also sollten wir ausgerechnet in diesem kostbaren Zwischenraum Kompromisse machen? Ein hochwertiges Soundsystem ist hier kein bloßes technisches Spielzeug. Es ist die akustische Gestaltung dieses Rückzugsortes. Wenn der Bass präzise greift, die Mitten die Stimme des Sängers direkt ins Herz tragen und die Höhen glasklar den Raum definieren, wird die Fahrt zur Arbeit oder nach Hause plötzlich zu einer täglichen Auszeit.

Sein Auto-Soundsystem aufzuwerten bedeutet nicht nur, lauter Musik hören zu können. Und es bedeutet ganz sicher nicht, dass man ab sofort ständig mit runtergelassener Scheibe an der Eisdiele vorbeifahren muss. Es ist vielmehr die bewusste Entscheidung, diesen persönlichen „Dritten Ort“ so hochwertig zu gestalten, wie er es verdient. Es geht darum, all das wahrzunehmen, was uns die Künstler vermitteln möchten – und dazu gehören eben insbesondere die Feinheiten – die Seele der Musik, die uns in einen Zustand echter Entspannung und Zufriedenheit versetzen können.

Die bewusste Entscheidung für das Besondere
Wir sollten also aufhören, Qualität als „Extra“ zu betrachten. Qualität sollte der Anspruch an unser tägliches Erleben sein. Wir dürfen wieder Wert darauf legen, wie wir uns präsentieren, wie wir wohnen und wie wir die Dinge um uns herum wahrnehmen. Es geht darum, sich wieder etwas zu gönnen, das bleibt.
- Beständigkeit: Das handwerklich perfekt gefertigte Kleidungsstück, das mit der Zeit nur schöner wird.
- Präsenz: Das Abendessen wirklich zu schmecken, statt es nur zu schlucken. In guter Gesellschaft mit einem guten Gespräch, bei dem das Smartphone in der Tasche bleibt.
- Begeisterung: Technik, die nicht nur eine Funktion erfüllt, sondern uns emotional berührt.
Lassen wir die Jogginghose also dort, wo sie hingehört – im Fitnessstudio oder auf dem Sofa. Drehen wir die neue Anlage auf und schenken wir der Musik unsere Aufmerksamkeit – auf der Bühne, die sie verdient. Es ist Zeit für eine neue Ära des Genusses. Denn am Ende sind es nicht die schnellen Dinge, an die wir uns erinnern, sondern die Momente, die so gut waren, dass wir wollten, dass sie niemals enden.
